„Becoming Birds – Ein musikalisches Mitmachexperiment“

„Becoming Birds – ein musikalisches Mitmachexperiment“ war eine interaktive Veranstaltung, die im Rahmen eines zweisemestrigen Projektseminars im Sommersemester 2023 sowie dem Wintersemester 2023/24 am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Paderborn und  der Hochschule für Musik Detmold entstanden ist und von den beiden Bachelorstudierenden Israel Dieme und Lena Petri sowie dem Masterstudenten Jule Winkler konzipiert wurde. Betreut wurde das Projekt von Prof. Dr. Rebecca Grotjahn. Die Veranstaltung zum Projekt fand am 20.01.2024 in der Musikbibliothek Detmold statt.

Die Anthropologin Anna Tsing bringt eine der zentralen Überzeugungen, auf deren Grundlage wir „Becoming Birds“ konzipiert haben, auf den Punkt, wenn sie schreibt: „Human exceptionalism blinds us.“[1] Dieser Gedanke bildete den kulturtheoretischen Hintergrund für unser Projekt, denn die paradoxe Dezentrierung des Menschen als der Natur außenstehend ist in Zeiten des Anthropozäns nicht mehr tragbar. Die anthropozentristische Überzeugung, der Mensch stünde der Welt gegenüber und sei nicht etwa abhängig von einem gesunden, globalen Ökosystem, wird in aktuellen posthumanistischen Diskursen zunehmend thematisiert und Begriffe wie ‚Natur' und ‚Kultur', oder ‚Mensch' und ‚Tier' werden infolgedessen aufgeweicht. Der Mensch muss sich also als ein Lebewesen unter vielen und als ein Kohabitant neben anderen Kohabitierenden neu positionieren. Auf diese Notwendigkeit eines ‚Lebens mit' wollten wir als Projektteam auch durch „Becoming Birds“ aufmerksam machen.

Also verschoben wir bei unserer Veranstaltung die Perspektive und luden unsere Teilnehmer:innen ein, sich in die Rolle von Vögeln in urbanen Räumen hineinzuversetzen. Ziel war es, spielerisch auf deren prekäre Lage im sich stetig wandelnden und immer lauter werdenden Turbokapitalismus aufmerksam zu machen und zum Nachdenken anzuregen – auch über den Rahmen der Veranstaltung hinaus. Das eigene Erleben und Ausprobieren stand hierbei im Fokus. In Kleingruppen versuchten die Teilnehmer:innen, auf zwei Stockwerken der Musikbibliothek, rein akustisch miteinander zu kommunizieren. Hierbei konnten sie entweder die eigene Stimme oder von der HfM Detmold zur Verfügung gestellte Instrumente benutzen. Dabei imitierten sie Vogelgesänge, die ihnen vorher auf einem „Silent Walk“ von dem Ornithologen Eckhard Müller nähergebracht wurden. Zunächst stellte das für die Teilnehmer:innen keinerlei Herausforderungen dar, doch sie wurden nach und nach in ihrer Kommunikation eingeschränkt: durch eine eigens für die Veranstaltung konzipierte Soundscapekomposition wurde die akustische Umweltverschmutzung unserer Städte simuliert und die Kontaktaufnahme der Teams erschwert. Wie unsere Stadtvögel mussten sich auch die Teilnehmer:innen diesen neuen Bedingungen anpassen.

Die Soundscape selbst war als kontinuierliche Steigerung konzipiert und ca. 15 Minuten lang. Sie setzte sich aus verschiedenen Soundaufnahmen zusammen, die in ihrer Gesamtheit einen urbanen Raum abbildeten. Es waren verschiedene Stationen, mit vorrangig anthropogenen Geräuschquellen – etwa einem Bahnhof, Café oder Park – sowie unterschiedliche menschliche und nicht-menschliche Akteur:innen – etwa Hunde und Babys – hörbar. Die Geräusche steigerten sich sowohl in ihrer Lautstärke als auch in ihrer Menge und entsprechend eines, von uns Verantwortlichen, subjektiv eingeschätzten Störfaktors. So schichteten sich in den letzten Minuten, während des Experiments in der Musikbibliothek, etwa das Dröhnen eines Presslufthammers, das Schreien eines Babys und das durchdringende Läuten von Kirchenglocken übereinander. Es handelte sich bei unserer „Störungssoundscape“ zwar um eine artifizielle Soundscape, da sie keinen tatsächlichen akustischen Fingerabdruck eines bestimmten Ortes zu einer bestimmten Zeit festhielt, sie bestand aber aus ausschließlich „organischen“ Geräuschen, die theoretisch gleichzeitig im urbanen Raum hörbar sein könnten.

Sound spielte bei „Becoming Birds“ folglich gleich mehrere Rollen: er war künstlerisches Medium, politischer Kommentar, Aussageträger sowie Vermittlungs- und Analysegegenstand. Unser Veranstaltungsort wurde auf ganz unterschiedliche Arten akustisch ausgelotet. Die Teilnehmer:innen erwartete nämlich neben dem musikalischen Experiment auch ein Livebeitrag des Klarinettisten Xu Li der den 3. Satz („Abîme des oiseaux“) aus Olivier Messiens kammermusikalischen Werk „Quatuor pour la fin du temps“ solistisch vortrug. Der Beitrag eröffnete einen weiteren ästhetischen Zugang zu den tierischen Protagonist:innen der Veranstaltung. Der bereits erwähnte „Silent Walk“ dagegen stellte das „aktive Zuhören“ in den Fokus, eine Methode der Soundscapeforschung und Ecomusicology, die einen Zugang zu den Lebenswelten nichtmenschlicher Tiere ermöglicht, die wir im Alltag i.d.R. übersehen und überhören.

Nach dem Verklingen der „Störungssoundscape“ fanden sich alle Teilnehmer:innen wieder zusammen und die im Experiment gemachten Erfahrungen wurden in einem angeleiteten Spiel zum kognitiven Transfer gemeinsam besprochen und reflektiert. Wir baten die Teilnehmer:innen sich auf verschiedene Statements zu beziehen und gaben ihnen dabei keine Antworten, Lösungen oder Interpretationen vor. Schlussfolgerungen mussten stattdessen selbst gezogen werden und es entstanden angeregte Gespräche. So wiesen einige Teilnehmer:innen etwa auf die Wechselwirkung von Sound und Raum hin. Der urbane Lärm der Störungssoundscape stand für sie in starkem Kontrast zur kulturell antizipierten Stille in Bibliotheken. Die in der Gruppe diskutierten Fragen wiederholten durchaus Gedanken, die wir uns auch im Laufe der Projektkonzeption gestellt hatten: Was verstehen wir überhaupt unter dem Begriff „Lärm“? Welche Sounds tragen zu einem positiven, welche zu einem negativen Lebensgefühl in urbanen Räumen bei? Gibt es eigentlich Stille in einem städtischen Kontext und wie definieren wir diese? Welche nichtmenschlichen Sounds höre ich vor meiner Wohnung, auf der Straße, oder in Parkanlagen, wie dem Palaisgarten? Warum höre ich bestimmte (tierliche) Laute möglicherweise nicht (mehr)? Wann und wo kann ich in Detmold Vogelstimmen hören und welche Bedeutung messen wir ihnen bei? Wir sind zuversichtlich, dass wir unser Ziel, auch über den Veranstaltungsrahmen hinaus zum Nachdenken anzuregen, erreicht haben; der eine oder die andere Teilnehmer:in wird nach „Becoming Birds“ sicherlich mit gespitzteren Ohren seinen oder ihren Alltag erkunden.

Zur Dokumentation wurden von Jeremias Wagner Impressionen des Projekts aufgezeichnet, die im Begleitvideo zusammengefasst wurden. Der Film soll als Inspiration und Anhaltspunkt für potentielle Anschlussprojekte dienen.

Das Projektteam bedankt sich bei folgenden Beteiligten für die freundliche Unterstützung: Dem Ornithologen Eckhard Müller, dem Klarinettisten Xu Li, dem Filmemacher Jeremias Wagner sowie Friedrich von Plettenberg und Andreas Klingenberg und Dunja Jeske und Anne Warkentin. Für die finanzielle Unterstützung sei dem Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn und dem Kulturteam der Stadt Detmold gedankt.

Jule Winkler

 

[1] Anna Tsing, »Unruly Edges: Mushrooms as Companion Species”, in: Environmental Humanities 1 (2012), S. 144.