Wessen Weber? Über Vereinnahmungen einer historischen Figur
Seit etwa 1810 konnte sich Carl Maria von Weber einer gewissen, ständig wachsenden Bekanntheit erfreuen. So trug er als einer der mutmaßlich größten Pianisten seiner Zeit als Komponist wie ausübender Künstler wesentlich zu Strategien und Kompositionstechniken der virtuosen Pianistik des 19. Jahrhunderts bei. Spätestens seit seiner Dresdner Zeit als königlich sächsischer Kapellmeister wurde er immer deutlicher als der Schöpfer einer deutschen Nationaloper angesehen. Zwar sind Der Freischütz, Euryanthe und Oberon allesamt für „fremde“ Bühnen (Berlin, Wien und London) entstanden und blieb der einzige Opernauftrag für Dresden (Die drei Pintos) Fragment; aber dieser Aspekt wurde nach Webers frühem Tod 1826, noch dazu fern der Heimat, bald vernachlässigt.
Die Aktivitäten Richard Wagners zur Rückführung der sterblichen Überreste von London nach Dresden nutzte dieser, um mit dem Freischütz ein deutlich national bezogenes Narrativ zu bedienen, das Weber so kaum je beabsichtigt hatte. Dies markiert den Beginn einer Vereinnahmung eines Komponisten, der sich dagegen „nicht mehr wehren“ konnte und die durch ihre Konzentration auf den Freischütz in einer Zeit, die nicht mehr die Webers war, sehr unterschiedliche Ergebnisse zeitigte, denen in dem Vortrag nachgegangen werden soll.
Manuel Gervink (*1957), Prof. Dr. phil. habil., studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Philosophie an der Universität Münster, wo er 1984 promoviert wurde. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter und wissenschaftlicher Assistent an der Universität zu Köln, an der er sich 1994 habilitierte. Nach Lehrtätigkeit an der Universität zu Köln und an der Hochschule für Musik Köln wurde er 2002 auf die Professur und als Leiter des Instituts für Musikwissenschaft an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden berufen. Seit 2017 ist er Vorsitzender der Internationalen Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts sowie Filmmusik. Seit 2023 ist er im Ruhestand.