Abgeschlossene Projekte
Hier finden Sie eine Übersicht über abgeschlossene Forschungsprojekte des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold/Paderborn.
Carl Louis Bargheer: Fiedellieder plus (2011 / 2026)
Beethoven in the House (2020–2023)
Pressemeldung zur Genehmigung des Projektes im April 2020
Rund 200 Jahre nach seinem Tod gehört Ludwig van Beethoven noch immer zu den weltweit meistgespielten Komponisten. Im 19. Jahrhundert sorgte die Hausmusik dafür, dass Bürger seine Werke nicht mehr nur im Konzertsaal, sondern auch daheim genießen konnten. Aus kompliziert komponierten Werken Beethovens entstanden bearbeitete einfachere Fassungen, die gut im Privaten zu spielen waren. Bislang wurden die Hausmusik-Bearbeitungen allerdings kaum erforscht. Wissenschaftler des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold/Paderborn, der University of Oxford und des Beethoven-Hauses Bonn wollen das ändern. Ihr neues knapp dreijähriges Forschungsprojekt „Beethoven in the House: Digitale Studien zu Bearbeitungen für Hausmusik“ wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem britischen Arts and Humanities Research Council mit rund 813.000 Euro gefördert.
„Hausmusik war das musikalische Massenmedium des 19. Jahrhunderts. Bearbeitungen bekannter Werke wurden daheim am Klavier oder in kleinen Besetzungen, etwa in Streichquartetten, gespielt“, erklärt Dr. Johannes Kepper. Er leitet das Projekt am „Zentrum Musik-Edition-Medien“ (ZenMEM) des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold/Paderborn zusammen mit Dipl. Wirt.-Inf. Daniel Röwenstrunk. Das neue Forschungsprojekt der Wissenschaftler verfolgt ein inhaltliches und ein technisches Ziel: Zum einen sollen bekannte Hausmusik-Bearbeitungen einiger Beethoven-Werke systematisch wissenschaftlich erschlossen werden. Zum anderen werden in Detmold und Oxford entwickelte Werkzeuge und Techniken, mit denen sich Notentexte digital archivieren und strukturieren lassen, erstmals kombiniert.
„Gerade für Werke Beethovens liegen uns zahlreiche Hausmusik-Bearbeitungen vor. Obwohl die Gattung Hausmusik wesentlich dazu beitrug, Musik abseits der Konzertsäle zu verbreiten und Bürger musikalisch zu bilden, wurden Hausmusik-Bearbeitungen von der Musikwissenschaft bislang kaum systematisch untersucht“, erläutert Johannes Kepper. Er und seine Kollegen wollen daher im Beethoven-Haus Bonn bekannte Arrangements von Beethovens 7. und 8. Sinfonie sowie von seinem Orchesterwerk „Wellingtons Sieg“ auswerten. Außerdem werden die Bestände der Bodleian Libraries der University of Oxford nach interessanten Hausmusik-Bearbeitungen von Beethovens Werken durchsucht. „So können wir die Breite der Hausmusik-Bearbeitungen abschätzen und ein möglichst repräsentatives Bild entwerfen. Unser Projekt soll dazu beitragen, ein besseres Verständnis von der hausmusikalischen Praxis des 19. Jahrhunderts und ihren typischen Merkmalen zu bekommen“, schildert Daniel Röwenstrunk den Ansatz.
Digitale Techniken ermöglichen genauere Untersuchung der Hausmusik-Bearbeitungen
Nachdem die Hausmusik-Bearbeitungen inhaltlich untersucht wurden, kommt die technische Ebene des Projekts ins Spiel: Einige der Bearbeitungen werden mithilfe von speziellen Werkzeugen und Softwaretechniken digitalisiert. „Wir arbeiten etwa mit den Techniken des ‚Music Information Retrieval‘ und der ‚Optical Music Recognition‘. Damit können wir Notentexte von Hausmusik-Bearbeitungen teilweise im Volltext erfassen. So entsteht eine Codierung des Notenbilds“, erzählt Johannes Kepper. Diese Codierung ermöglicht es den Wissenschaftlern, die Hausmusik-Bearbeitungen weiter auszuwerten, also etwa deren Aufbau genauer zu erforschen und herauszufinden, wie ein Stück an bestimmten Stellen gekürzt und vereinfacht wurde.
Methoden der digitalen Musikwissenschaft aus Deutschland und Großbritannien werden erstmals kombiniert
Bei „Beethoven in the House“ wollen Kepper und Röwenstrunk die von ihnen entwickelten Werkzeuge und Softwaretechniken mit denen der Kollegen in Oxford kombinieren und so kompatibel machen. Die im ‚Virtuellen Forschungsverbund Edirom‘ des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold/Paderborn entstandenen Werkzeuge für digitale Musikeditionen sollen mit einer Oxforder Software, dem ‚Music Encoding and Linked Data-Framework‘ (MELD), verknüpft werden. MELD basiert auf der sogenannten ‚Linked Open Data‘-Technik. „Hier werden Daten mit einem streng definierten Vokabular beschrieben, über Schnittstellen bereitgestellt und können so von Dritten weitergenutzt, interpretiert und in Beziehungen gesetzt werden“, beschreibt Röwenstrunk. Mit Detmold/Paderborn und Oxford kooperieren erstmals zwei der größten Einrichtungen, die an und mit dem Format ‚Music Encoding Initiative‘ (MEI) arbeiten, einem Datenformat zum Codieren und Archivieren von Musik.
Im neuen deutsch-britischen Forschungsprojekt können Johannes Kepper und Daniel Röwenstrunk auf Erkenntnissen aus „Beethovens Werkstatt“ aufbauen, einem seit 2014 laufenden Forschungsprojekt des Musikwissenschaftlichen Seminars und des Bonner Beethoven-Hauses. Im Projekt untersuchen Wissenschaftler Beethovens kompositorische Schaffensprozesse und kombinieren dabei die Ansätze der digitalen Musikeditionen sowie der sogenannten genetischen Textkritik.
Erste Ergebnisse von „Beethoven in the House“ werden für das Frühjahr 2021 erwartet. Nach Abschluss des Forschungsprojekts werden alle Erkenntnisse, die entwickelte Software und die erstellten Daten online frei zur Verfügung gestellt.
Weitere Informationen zum ZenMEM und zum Virtuellen Forschungsverbund Edirom: zenmem.de; www.edirom.de
Simon Ratmann, Stabsstelle Presse und Kommunikation
Leitung
Dr. Andrew Hankinson
Prof. Dr. Christine Siegert (Beethovenhaus Bonn)
Mitarbeiter*innen
David Lewis (Oxford)
Dr. Mark Saccomano
Elisabeta Shibata (Beethovenhaus Bonn)
SHK
Lisa Rosendahl
Detmolder Hoftheater 1825–1875 (2014–2021)
gefördert von der DFG (Wiss. Literaturversorgungs- und Informationssysteme) von September 2014 bis Januar 2021
Die in der Lippischen Landesbibliothek Detmold zur Geschichte des Detmolder Hoftheaters verwahrten musikalischen und archivalischen Quellen sind in ungewöhnlicher Breite und Fülle erhalten. Ergänzt werden sie durch Materialien aus dem Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe (Personalakten etc.) und dem Staatsarchiv Osnabrück (Theaterzettel). Diese Materialien, die bislang entweder nur standardmäßig, z. B. im Internationalen Quellenlexikon der Musik (RISM) (Musikalien), erfasst oder sogar lediglich durch maschinenschriftliche Regesten (Theaterakten) sowie z. T. handschriftliche Zettelkataloge ausgewertet sind, sollen im Rahmen des Projekts kontextuell erschlossen werden.
Es geht darum die überlieferten musikalischen Quellen (Partituren, Stimmen und Partien, Libretti, Rollenhefte) einerseits detaillierter zu beschreiben (inkl. enthaltener Einlagen bzw. Striche sowie handschriftlicher Einträge zu Personen und Aufführungen) und andererseits die zugehörigen archivalischen Quellen im Volltext oder als Regesten digital zu erfassen. Im Rahmen der kontextuellen Tiefenerschließung sollen den auszuwertenden Musikalien dann weitere Informationen, etwa aus den Einnahme-Journalen oder den Regiebüchern des Theaters, zugeordnet werden. In der Folge könnte dann z. B. ein mit Normdaten angereichertes Rollenverzeichnis aller mitwirkenden Schauspieler oder Sänger erstellt werden.
Diese sogenannte kontextuelle Tiefenerschließung wird auf der Basis eines Modells vollzogen, das erst innerhalb des Pilotprojekts entwickelt und an den Daten des Hoftheaterbestands erprobt werden soll, damit es langfristig auch von anderen Bibliotheken für die Erschließung ähnlicher Bestände genutzt werden kann. Die Grundlage dieses Modells bilden die XML-basierten Codierungsstandards der Music Encoding Initiative (MEI) sowie der Text Encoding Initiative (TEI), die beide sowohl eine bibliothekarische als auch eine wissenschaftliche Erfassung der Dokumente erlauben und durch ihre Anbindung an internationale Datenstandards die Möglichkeit eines gezielten Mappings zu den Datenbeständen anderer Bibliotheken oder Forschungseinrichtungen mit sich bringen.
Die Projektergebnisse werden in einem Portal zusammengeführt, in dem die Digitalisate der Materialien mit den XML-basierten Erschließungsdokumenten unter Rückgriff auf die in Detmold entwickelte Software Edirom Online verknüpft werden. Die Präsentation der Ergebnisse wird auf diese sehr anschauliche Weise dazu beitragen, dem heutigen Forscher oder interessierten Laien ein präziseres Bild vom Wirken des Detmolder Hoftheaters in seiner Blütezeit zu vermitteln.
DFG-Viewer für musikalische Quellen (2021–2023)
Die wachsende Digitalisierung und öffentliche Bereitstellung von Bibliotheksbeständen stellt auch an die Präsentation der Digitalisate große Herausforderungen, denn diese sollen ja nicht nur in einer ungegliederten Reihung von Abbildungen zur Verfügung gestellt werden, sondern strukturiert, d. h. Zeitungen sollen abrufbar nach Datum sein, Zeitschriften nach Heften und möglichst auch gezielt nach den Beiträgen und Bücher nach Kapiteln. D. h. die Digitalisate von bibliothekarischen Einheiten müssen mit Metadaten versehen werden, die weit über die Metadaten einer Katalogisierung hinausgehen.
Für diesen Zweck wurde an der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden der DFG-Viewer entwickelt, der inzwischen für Präsentationen von Digitalisaten der kulturellen Überlieferung (Drucke, Handschriften, historische Tonträger, Archivalien) als Standard etabliert ist.
Die Präsentation von musikalischen Quellen erfolgte bisher auch mit dem DFG-Viewer, doch können mit diesem musikspezifische Informationen und musikwissenschaftliche Forschungsergebnisse zu den dargestellten Quellen nicht dargestellt werden. Der DFG-Viewer soll deshalb für die Darstellung von musikalischen Quellen um folgende Möglichkeiten erweitert werden:
- Erweiterung der Meta- und Strukturdaten um wissenschaftlich bedeutsame Metadaten wie weitere Personengruppen (Bearbeiter, Schreiber, Interpret etc.) und Ereignisse.
- Auf Grund ihrer großen Bedeutung für die Gliederung von Musik sollen Taktpositionen angezeigt werden. Darüber hinaus erfolgt die Anzeige von Annotationen zum Quellenmaterial.
- Volltexte (MEI, Music XML) der musikalischen Quellen sollen parallel zum Faksimile angezeigt werden.
- In Beziehung stehende Quellen (Stimmmaterialien, handschriftliche und gedruckte Materialien eines Werkes) sollen in paralleler Ansicht angezeigt und synchron in ihrer zeitlichen Dimension durchlaufen werden können. Auch eine Parallelisierung mit Audio- oder Videoaufnahmen ist geplant.
Alle diese Anpassungen und Erweiterungen für musikalische Quellen dienen nicht nur der besseren und benutzerfreundlicheren Präsentation der Digitalisate, sondern auch der engeren Verbindung von Wissenschaft und Bibliothek: Die Bibliothek präsentiert nicht nur ihre Bestände, sondern auch die dazu bereits gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Gleichzeitig ermöglicht die Bibliothek mit der Integration der wissenschaftlichen Daten deren Langzeitarchivierung.
Das Projekt (DFG LIS) ist ein Gemeinschaftsprojekt der SLUB Dresden und des ZenMEM der Universität Paderborn und ist für zwei Jahre (2021–2022) bewilligt.
Digitale Musikanalyse mit den Techniken der Music Encoding Initiative (MEI) am Beispiel der Kompositionsstudien Anton Bruckners (2017–2019)
In Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Digital Music Notation Data Model and Prototype Delivery System (2009–2014)
Im Rahmen der Bewilligungen innerhalb des DFG/NEH-Förderprogramms wurden zunächst zwei Workshops durchgeführt, durch die der Musikcodierungsstandard MEI in ein internationales Community-Projekt überführt und in den anschließenden Förderphasen so weiterentwickelt werden konnte, dass eine breite Akzeptanz in der wissenschaftlichen Community erreicht werden konnte.
Zur MEI-Website
Edirom – Entwicklung von Werkzeugen für digitale Formen wissenschaftlich-kritischer Musikeditionen (2006–2012)
Das von der DFG geförderte Edirom-Projekt gehört zu den erfolgreichsten Forschungsvorhaben des Musikwissenschaftlichen Seminars. Nach der mehrjährigen Entwicklungsphase wird die Software mittlerweile in vielen neuen digitalen Editionsprojekten eingesetzt.
Zur Edirom-Website
Edition phonographischer Musik (2021–2022)
Das von Prof. Dr. Rebecca Grotjahn initiierte Projekt wurde durch den Forschungspreis der Universität Paderborn gefördert. Ziel ist es sowohl auf methodischer als auch auf praktischer Ebene die Edition phonographischer Musik erstmals zu realisieren.
Damit dies gelingt, formuliert das Projektteam eine Philologie Phonographischer Musik. Sie soll ein Verständnis von Schrift und Text ermöglichen, das auch phonographische Schrift als primäre Quelle berücksichtigt und zu behandeln weiß. Für die Editionspraxis wird ein Tool entwickelt, mittels dem eine Tonaufnahme in visuelle Daten umgewandelt und anhand von Synchronisationspunkten mit Annotationen versehen werden kann. Diese Daten bilden den Metatext, welcher für die breite Nutzerschaft verfügbar gemacht wird. Das Tool erkennt hineingeladene Audiodateien automatisch und ruft – sofern bereits vorhanden – zugehörigen Metatext auf.
Das Editionstool bietet damit die Möglichkeit sich quellenkritisch mit phonographischer Musik auseinander zu setzen, ohne dass die Audio-Objekte selbst ediert werden. Die Philologie phonographischer Musik verspricht damit auch einen erheblichen Erkenntnisgewinn für die Erforschung populärer Musik.
Weitere Informationen: https://www.uni-paderborn.de/nachricht/94296
Freischütz digital (2012–2015)
Das Geschlecht musikalischer Dinge (2016-2018)
Gefördert von der Mariann Steegmann Foundation
Zahlreiche Forschungsprojekte, Publikationen, Tagungen und Kongresse deuten darauf hin, dass die Materialität der Welt im Zeitalter der Digitalisierung deutlicher spürbar ist als je zuvor. Auch in der Musikwissenschaft gewinnen Dinge zunehmend an Relevanz. Während der material turn unter dem Schlagwort New Materialism bereits Eingang in verschiedenste Fachrichtungen der feministischen Theoriebildung und Geschlechterforschung gefunden hat, wurde Gender als wichtige Analysekategorie in den vorliegenden Studien zur materiellen Musikkultur bisher jedoch nur wenig beachtet.
Das im Dezember 2016 unter Leitung von Rebecca Grotjahn und Sarah Schauberger gestartete Projekt betrachtet Instrumente und andere musikalische Objekte aus der Perspektive der Genderforschung. In Anlehnung an Ansätze der materiellen Kultur soll dabei nach den spezifischen Bedeutungen gefragt werden, die Dinge durch ihre materielle Beschaffenheit, das ihrem Gebrauch innewohnende Wissen und die Kontexte ihrer Verwendung erhalten.
Was verraten Dinge über die Gesellschaft und ihre Geschichte? Welche Bedeutungen kommen musikalischen Objekten in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu? Welche Kulturtechniken sind den Dingen eingeschrieben? Und was lässt sich durch die Analyse der Dinge über Geschlechterwissen in einem spezifischen kulturellen Kontext herausfinden? Da der Klang sowie die Bedienung musikalischer Dinge von ihren materiellen Eigenschaften abhängen, sind in diesem Zusammenhang auch die verwendeten Materialien, die Bauformen, das Design, kulturelle Kontexte usw. in den Blick zu nehmen.
Das Potenzial des Ansatzes für die musikwissenschaftliche Genderforschung soll im Rahmen einer vom 23. bis 24. Juni 2017 in Detmold stattfindenden Arbeitstagung ausgelotet werden. An diesem Wochenende werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenkommen, um ihre Perspektive auf konkrete musikalische Objekte zu diskutieren. Die daraus entstehenden Ding-Porträts werden im Jahrbuch Musik und Gender 2018 publiziert.
Um die kulturelle Bedeutung der Dinge im Kontext von Gender näher ergründen zu können, erfolgt im Rahmen des Projekts darüber hinaus eine systematische Sammlung und Dokumentation musikalischer Objekte aller Art.
Interaktive digitale Noten im Musiktheater (IdiN)
Gefördert durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), BMBF-Programmlinie DATIpilot Innovationssprints
KreativInstitut.OWL
Projektlaufzeit: 2024–2026
Projektpartner: Deutsche Oper Berlin
Digitale Noten, “Score Viewer Apps”, sind eine unterschätzte Innovation des digitalen Wandels in der Arbeitswelt vieler Musiker:innen und kleiner Ensembles. Eine Innovation, die sich auf größere Konzert-, Opern- und Theaterbetriebe weltweit mit ihren komplexeren Arbeitsprozessen jedoch nicht einfach übertragen lässt. Diese Nutzungsszenarien wollen wir wissenschaftlich erschließen und so die Wissensgrundlage für einschlägige Entwicklungen und Innovationen schaffen.
Jazz im Faschismus
Die zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre waren von wichtigen Veränderungen in der Unterhaltungsbranche gekennzeichnet. Während das italienische faschistische Regime zunächst eine modernistisch geprägte Kulturpolitik verfolgte, zog es sich ab Mitte der dreißiger Jahre auf autarkische und auslandsfeindliche Positionen zurück, die während der Kriegzeit noch stärker wurden. Die staatliche Zensur wog schwer. Besonders einige Musikarten wie der Jazz und einige aus Amerika importierte Tänze, die zu Swing-Rhythmen rasche und freie Körperbewegungen erlaubten, wurden mit Härte angegriffen.
Konzeptioneller und methodischer Ausgangspunkt des hier vorgelegten Projekts sind eine Reihe den deutschen Fall betreffende historische Studien. Die Forschungen, die sich bisher mit der italienischen Welt des Jazz befasst haben, verfolgen hingegen überwiegend einen dezidiert musikwissenschaftlichen Ansatz. Von einigen Ausnahmen abgesehen gibt es bisher nur wenige Studien mit historiographischer Ausrichtung. Ziel ist es, zu untersuchen, wie sich das faschistische Regime gegenüber neuen Kulturformen wie dem Jazz und den amerikanischen Tänzen verhielt. Es soll gefragt werden, ob die verpönten Lieder und Tänze als Mittel der Kritik und der Opposition gegen das Regime genutzt wurden. Es wäre auch festzustellen, ob einige der öffentlichen Ordnung und Moral vorgeblich schadende Künstler, Musiker, Drehbuchautoren, Tänzer, Theaterdirektoren, Orchester, Regisseure und Showagenten aus diesem Grund verfolgt wurden. Das Projekt zielt daher nicht eigentlich auf eine Jazzgeschichte der dreißiger und vierziger Jahre ab, sondern auf die Untersuchung der repressiven Richtlinien und Praktiken, die sich einerseits an Fragen der öffentlichen Ordnung und Moral orientierten, andererseits unter dem Einfluss der außenpolitischen Entscheidungen des Regimes auf die Kulturpolitik standen.
Venedig ist ein privilegierter Standort für die Untersuchung dieser Fragen. Die Stadt war ein internationaler kultureller Brennpunkt, in dem das Regime sich kosmopolitisch zeigte. So gilt es, die Theaterpolitik des Festivals der zeitgenössischen Musik von Venedig näher zu durchleuchten. Es wurde offiziell vom faschistischen Komponisten Adriano Lualdi geführt. Tatsächlich aber stand es unter der Leitung des international renommierten Musikers Alfredo Casella, der ein so großer Bewunderer der Jazz-Musik war, dass er die Musikpolitik der Regierung öffentlich herausforderte. Es soll herausgefunden werden, wie hier mit der sogenannten „abartigen Musik“ umgegangen wurde und ob vom Regime ansonsten angefeindete oder verbotene Aufführungen Platz fanden. Dies ist ein Beispiel für unsere Forschung zentral berührende Quellen, die in der Kulturstadt Venedig gehoben werden können.
Kooperation: Deutsches Studienzentrum Venedig
Leitung:
OPEN Edirom Faust Edition (2023–2024)
Peter Joseph von Lindpaintner, Ouverture, Entreacte, Chöre und Lieder zu Goethes Faust nach der szenischen Einrichtung von Carl Seydelmann (1832). Historical-critical digital edition by Tobias Bachmann, Lena Frömmel, Andreas Münzmay and Antje Tumat. OPEN Edirom project at KreativInstitut.OWL in cooperation with the OPERA project led by Thomas Betzwieser (Academy of Sciences and Literature Mainz and Goethe University Frankfurt/Main), with the Zentrum Musik–Edition–Medien (ZenMEM) and with NFDI4Culture (Online: ZenMEM, 2024/2025).
→ Projektbeschreibung und Direktlinks zur OPEN Edirom Publikation
Technologien des Singens – Untersuchungen zum Dispositiv Singen - Körper - Medien in der Frühzeit der Tonaufnahme
TextGrid (Projektpartner 2009–2012)
Das Musikwissenschaftliche Seminar war von 2009 bis 2012 Projektpartner im BMBF-Verbundprojekt TextGrid, mit dem eine Virtuelle Forschungsumgebung für die Geisteswissenschaften aufgebaut werden sollte. Primäre Gegenstände der Arbeit waren die Codierungsstandards MEI und TEI sowie die Entwicklung eines MEI-Score-Editors.
Zur TextGrid-Website